Was für ein Fest! Am 25. Juli feiert Anneliese Krehn ihren 90. Geburtstag in Wallau. Anlass genug, auf ein bewegtes und bewegendes Leben zurückzublicken. Geprägt von Handwerkskunst, Tanzleidenschaft und familiärem Zusammenhalt blickt sie auf neun Jahrzehnte ihrer Geschichte zurück.
Chic sieht sie aus die Jubilarin an ihrem Ehrentag. In einer selbstgeschneiderten Bluse mit blau-weißen Blüten und passend abgestimmter Hose und Strickjacke, empfängt sie im Garten, unter einer schattigen Pergola, die Gratulanten. Darunter Matthias Hees, ehrenamtlicher Stadtrat, als Vertreter des Hofheimer Magistrats, der Anneliese Krehn – auch stellvertretend für das Land Hessen – Geschenke und Urkunden überreichte. Ortsvorsteherin Anja Hauzel ließ es sich ebenfalls nicht nehmen, persönlich zu gratulieren.
Fast wie im Film
Wenn man die Lebensgeschichte von Anneliese Krehn kennenlernt, denkt man unwillkürlich an die erfolgreiche Fernsehserie Ku`damm 56, die die Geschichte einer Berliner Tanzschule in der Nachkriegszeit erzählt. Die Liebe, die Leidenschaft fürs Tanzen und die Umstände der Nachkriegsjahre prägten auch Annelieses langes Leben.

Geboren wurde Anneliese Krehn 1935, als Tochter von Kurt und Grete Funke-Kaiser in Düsseldorf. Die Familie betrieb dort über drei Generationen hinweg die traditionsreiche „Konditorei und Bäckerei Funke-Kaiser“ – ein Begriff in der Stadt am Rhein, und wie man heute sagen würde: eine echte „Institution“. Als zweites Kind der Familie entschied sich Anneliese jedoch für einen anderen Weg und ließ sich zur Damenschneiderin ausbilden.
Couture auf der Tanzfläche
Sie blieb aber nicht lange im Atelier mit Stoffen und Schnittmustern. Bei einem Tanztee der Tanzschule „Von Kaiser“ lernte sie Siegfried Krehn kennen – einen eleganten jungen Mann aus Ingolstadt. War er zunächst nur Tanzpartner, wurde er schnell zum Partner fürs Leben. Gemeinsam tanzten sie sich durch Amateurturniere und feierten große Erfolge. Bald wechselten sie ins Profilager. Anneliese Krehn war nicht nur auf dem Parkett eine beeindruckende Erscheinung – auch ihre Turnierkleider, die sie als Damenschneiderin selbst entwarf und nähte, waren stilprägend und wurden in der Tanzszene vielfach kopiert.
Die Bürde der Nachkriegszeit
In den 1950er Jahren ware das Ehepaar Krehn das deutsche Tanzpaar: 13 Deutsche Meistertitel, ein dritter Platz bei der Europameisterschaft und der Vize-Weltmeistertitel in standard- und lateinamerikanischen Tänzen, zählten zu ihren größten Erfolgen. Ein Weltmeistertitel war in greifbarer Nähe – doch in jenem Jahr wurde der Allround-Weltmeistertitel plötzlich abgeschafft. Innoffiziell machte das Gerücht die Runde „die Deutschen sollten noch nicht gewinnen dürfen“, erinnert sich Krehn mit einem bittersüßen Lächeln. Bei aller Rivalität gab es aber auch Freundschaften in der Turniertanzszene, so gehörte das englische Weltmeisterpaar Bill und Bobbie Irvine, über die aktive Turnierzeit hinaus zu den langjährigen Freunden von Siegfried und Anneliese Krehn. „Gesellschaftstanz bringt bis heute Menschen über Nationalitäten ungezwungen, aber stilvoll zusammen“, sagt Krehn mit einem Lächeln. „Das damals waren ganz andere Zeiten. Preisgelder waren mehr als selten. Einmal erhielten meine Mann und ich 500 Mark für einen Titel. Der Rest sind Pokale, Auszeichnungen und wunderbare Erinnerungen“, so Krehn über den Tanzsport in der Nachkriegszeit. „Bei der Weltmeisterschaft in Berlin wurde ich zur elegantesten Tänzerin des Turniers gekürt. Der Moment, als ich ohne meinen Mann über die große Tanzfläche zur Ehrung schritt, machte mir erst bewusst, wie viele Zuschauer im Saal waren. Trotzdem behielt ich die Nerven und grüßte meine Tochter nach der Preisverleihung via Fernsehkamera“, erinnert sich Krehn lachend.
Let´s Dance 1.0
Der WDR engagierte das Paar als Fernsehtanzlehrer – sogar die ARD wurde aufmerksam. Doch wegen der bestehenden Verträge kam es zu keiner weiteren TV-Karriere. Stattdessen gründeten Anneliese und Siegfried Krehn 1957 ihre eigene Tanzschule auf der Düsseldorfer Grafenberger Allee – eine Institution, die über vier Jahrzehnte lang bestand und bis heute dort mit einem nostalgischen Bild der beiden an der Tür unter dem Namen „Absolut Tanzbar“ weiterlebt.

Ein Lebensabend im Kreis der Familie
Ihre Tochter Claudia trat in die Fußstapfen der Eltern und lies sich 1979 in Wiesbaden zur ADTV-Tanzlehrerin ausbilden. Die Liebe zu ihrem Mann führte Claudia nach Wallau. Mori Azghandi arbeitete zu dieser Zeit als Physiotherapeut der Bundesliga-Handballmannschaft SG Wallau-Massenheim. Wallau wurde die Heimat des Paares und 2019 auch die neue Heimat von Anneliese Krehn und ihrem Mann.
Nach dem Tod von Siegfried 2020, wohnt Anneliese Krehn allein bei Tochter und Schwiegersohn in Wallau und fühlt sich dort sehr wohl. Gesellschaftsspiele gehören zu ihrer Lieblingsbeschäftigung, da ist sie selbst am Computer fit und jederzeit bereit für eine Runde Solitär.
Umso mehr ist der runde Geburtstag auch ein Tag der Dankbarkeit, des Rückblicks und der Freude über das Geschenk des Beisammenseins. Denn eines bleibt: „Familie ist doch immer das Wichtigste“, sagt ihre Tochter Claudia – und Anneliese nickt: „Ja, ich hatte ein schönes Leben“. psn
