Wenn über die geplanten Gewerbegebiete Wallau III oder in der Lach gesprochen wird, stehen meist die geplanten großen Gebäude zukünftiger Hauptmieter im Mittelpunkt. Doch mindestens genauso wichtig sind die westlichen Bereiche. Dort sollen gezielt kleinere und mittlere Betriebe aus Hofheim und Umgebung Flächen finden. Unternehmen, die wachsen wollen – und derzeit ausgebremst werden. Unternehmen, die Ausbildungsplätze schaffen, Vereine unterstützen und Arbeitswege kurzhalten. Unternehmen, die mehr sind als ein Gewerbesteuerposten im städtischen Haushalt. Genau hier setzt das Beispiel der Firma Omnibusse Kolb an.
Wer abends durch die Ortseinfahrt von Wildsachsen fährt, ahnt nicht, was sich hinter den Kulissen des Familienunternehmens Omnibusse Kolb abspielt. Dort wird rangiert, umgeparkt, neu sortiert – jeden Tag aufs Neue. Was früher ein kleiner Betrieb mit zwei Angestellten war, ist heute ein gewachsenes Busunternehmen mit deutlich größerem Fuhrpark. Doch die Strukturen sind im wahrsten Sinne des Wortes in die Jahre gekommen.
„Wir sind seit September 2022 auf der Suche nach geeigneten Flächen für die Betriebserweiterung“, erzählt Jean-Martin Harder im Gespräch. Er und sein Bruder Valentin haben den Familienbetrieb seit Januar von ihrer Mutter Gudrun übernommen. Auslöser war die Annahme eines neuen Fahrauftrags für die tägliche Beförderung einer Werkstatt für behinderte Menschen. Die Betriebsgröße verdoppelte sich dadurch nahezu – und mit ihr die Platzprobleme.
Büro im ehemaligen Wohnzimmer
Die räumliche Situation beschreibt das Unternehmen als „historisch gewachsene Strukturen, die nie für einen Betrieb dieser Größe geplant waren“. Vier Personen teilen sich drei Arbeitsplätze in einem Büro, das einst das Wohnzimmer der Großeltern war. Der Aufenthaltsraum für die Fahrer befindet sich im früheren Kinderzimmer der Mutter und in der ehemaligen Küche von Oma und Opa.
Auch die Hallen sind in die Jahre gekommen. Investitionen lohnen sich nicht, weil der Standort grundsätzlich zu klein ist.
Jeden Abend ein logistisches Puzzle
Besonders deutlich wird die Dramatik im Betriebsalltag. „Jeden Abend müssen wir überlegen, wie wir die Busse umrangieren, damit am nächsten Morgen kein Chaos entsteht“. Die Fahrzeuge kommen nicht in der Reihenfolge zurück, in der sie morgens wieder starten müssen. Es wird verschoben, neu gestellt, umgeparkt.
Teilweise müssen Fahrer Busse mit nach Hause nehmen, weil auf dem Betriebsgelände kein Platz mehr ist. Das erhöht nicht nur die Diesel-Kosten und Emissionen, sondern führt auch zu Beschwerden von Anwohnern und manchmal zu vermeidbaren Beschädigungen an Fahrzeugen. Auch das ständige Rangieren direkt an der Ortsdurchfahrt birgt Risiken und behindert den Verkehr. Der Zustand ist gleichzeitig Improvisation und tägliche Realität.
Wachstum? Derzeit ausgeschlossen
Dabei wäre Wachstum möglich. Personal ist vorhanden. Nachfrage ebenfalls. „Wir müssten jede Art von Aufträgen, die eine Erweiterung des Fuhrparks nach sich ziehen würde, ablehnen“, heißt es klar.
Das bedeutet konkret: Keine neuen Linien, keine zusätzlichen Arbeitsplätze – obwohl diese geschaffen werden könnten. Im Gegenteil: Kunden, die heute abgewiesen werden, suchen sich andere Anbieter. „Da viele Kunden eine hohe Bindung zu ‚ihrem‘ Busunternehmen entwickeln, ist zu erwarten, dass diese Kunden dann mittel- bis langfristig für uns verloren sind“. Was hier verloren geht, ist nicht nur Umsatz, sondern Zukunft.
Abwanderung als reale Option
Noch ist Hofheim für das Unternehmen der zentrale Standort. Die meisten Linien verlaufen im Main-Taunus-Kreis, viele angefahrene Förderschulen liegen in Hofheim. Auch persönlich ist die Bindung der beiden Brüder groß: das Unternehmen von Großvater und Großmutter in Wildsachsen gegründet, dort aufgewachsen und in Hofheim zur Schule gegangen.
Doch die Geduld ist nicht unbegrenzt. Man sehe sich gezwungen, „über die Stadtgrenzen Hofheims hinaus die Lage zu sondieren“. Ein Wegzug würde für die Mitarbeitenden teils erheblich längere Arbeitswege bedeuten – und das Unternehmen als Arbeitgeber weniger attraktiv machen.
Mehr als nur Gewerbesteuer
Das Unternehmen betont im Gespräch, dass regionale Betriebe weit mehr sind als bloße Steuerzahler. Sie schaffen Arbeitsplätze, bieten Ausbildungsplätze und Praktika, übernehmen soziale Verantwortung in „ihrer“ Stadt. Wenn lokale Anbieter verschwinden, drohen Preissteigerungen, weniger Wettbewerb und geringere Flexibilität – gerade bei kurzen Fahrten für Vereine und Schulen.
„Als interessierter Unternehmer oder Gründer werde ich nicht in einer Stadt aktiv werden, in der die Zeichen auf Abwanderung und Schließung stehen“ sagt Jean-Martin Harder.
Ein Fall von vielen
Omnibusse Kolb steht mit dieser Situation nicht allein. Das Unternehmen gehört zu einer Gruppe von mehr als 20 kleinen und mittelständischen Betrieben im Main-Taunus-Kreis, die dringend Entwicklungsflächen suchen. Wie hoch der wirtschaftliche Verlust für Hofheim wäre, sollte es zu Abwanderungen kommen, lässt sich derzeit nicht beziffern. Klar ist jedoch: Es geht um Arbeitsplätze, Ausbildungsplätze und um gewachsene Strukturen, die sich nicht beliebig ersetzen lassen.
Flächenentwicklung 4.0
Wissen muss man, dass die Entwicklung von kleinteiligen Gewerbeflächen für Investoren heute nur noch im Zusammenhang mit der Ansiedlung von großen Unternehmen lohnt. Gingen Unternehmer m/w/d, wie einst in den 70er Jahren in Wallau, einfach zur Stadt und meldeten ihren Flächenbedarf an und die Stadt teilte dann diese Gebiete erschlossen zu, sind die meisten Städte und Gemeinden bei diesem Thema heute völlig raus. Stattdessen kaufen Investoren Flächen und entwickeln diese inklusive der Vermarktung aus einer Hand.
Aussagen wie die von Bürgermeister Schultze in der Presse, dass es sich bei dem Gebiet „In der Lach“ um kein gutes Gewerbegebiet handeln könne, wenn sich nur eine einzige Firma (PCT) dafür interessiere, zeugen daher von einer brisanten Unkenntnis, die Hofheim – und damit allen Bürgerinnen und Bürgern – finanziell auf die Füße fallen kann. psn